Samstag, 26. Mai 2012, 09:34:06 Uhr

14. Dezember 2011, 20:23

DAVID LAMA

Erstbegehung der Nordwestwand des Cerro Kishtwar (6155 Meter), Kashmir Himalaya, Indien

Sumcham, ein winziges Bauerndorf im indischen Kashmir-Himalaya: Wir, ein kleines Expeditionsteam bestehend aus Stef Siegrist, Denis Burdet und mir, folgen einem Dorfbewohner durch eine enge Gasse. Der Boden ist voll mit Schlamm und der Rauch, der zwischen den Lehmmauern schwebt, brennt in meinen Augen.

Zürich, 8.12.11 Red. (mk) Der Dorfbewohner heißt Raju und war einer der besten Eseltreiber auf unserer Expedition zum 6155m hohen Cerro Kishtwar. Er hat meine zwei Schweizer Kletterpartner und mich eingeladen bei unserer Rückreise in seinem Haus zu übernachten. Da es heute den ganzen Tag geschneit und geregnet hat, nehmen wir das Angebot gerne an. Durch eine rechteckige Öffnung in der Mauer steigen wir in einen großen, dunklen Raum. Dann sehe ich Raju, wie er uns zuwinkt und uns einen Sitzteppich neben der Feuerstelle in der Mitte des Raumes hinlegt. Meine Augen brauchen eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Raju reicht uns heißen Tschai, den seine Frau für uns zubereitet hat. Während wir den Tee mit Yakmilch aus kleinen Plastiktassen schlürfen, schwirren mir ununterbrochen Bilder vom Gipfeltag am Cerro Kishtwar durch den Kopf.

Es war bereits das Ende unserer fast sechs Wochen dauernden Expedition im Kashmir-Himalaya. Es kam mir vor, als wäre es gestern gewesen: Stef Siegrist und ich schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Expedition und als er mir dabei ein Bild vom Cerro Kishtwar zeigte, war ich davon sofort gefesselt. An der über eintausend Meter hohen Granitwand dieses fast vergessenen 6000ers, hatten bisher nur die Briten Andy Perkins und Mick Fowler und ihre Seilpartner Spurenhinterlassen. Ich wollte auf diesen Berg.

Der imposante Granitturm schien mir ein perfektes Ziel für meine erste Expedition in den Himalaya. Von Stef, der von seinen Erstbegehungen am Arwa Tower und am Thalay-Sagar bereits einiges an Himalaya-Erfahrungen gesammelt hatte, konnte ich sicher viel lernen. Der Schweizer Denis Burdet, ebenfalls ein erfahrener Alpinist, sowie der Kameramann Rob Frost, würden unser Team komplett machen.

Nachdem ich mich durch den Sommer hindurch klettertechnisch in den Alpen verausgabt hatte, fand ich mich Anfang September am Flughafen von Delhi wieder, wo mich meine Partner schon erwarteten. Endlich ging es los. Wir stiegen in einen Bus mit Ziel Kashmir-Himalaya, der drei Tage lang unser Gefängnis wurde. Die Hitze war erdrückend. Wir vertrieben uns die Zeit damit, einen Film nach dem anderen anzusehen, bis alle unsere Laptop-Akkus leer waren.

Fast 20 Jahre lang war die Region, in der der Cerro Kishtwar liegt, nahezu vergessen. Politische Unruhen machten es unmöglich diesen Berg und die umliegenden Fünf- und Sechstausender zu erreichen. Jetzt gab es entlang der Straße von Kishtwar nach Gulaghab zwar einige Militärposten und unendlich viel Stacheldraht, aber keine Probleme bei der Durchreise. Wir fühlten uns sicher und starteten bereits früh am Morgen in das Tal, das von den Einheimischen „Saphire Valley“ genannt wird. Riesige Schaf- und Ziegenherden kamen uns entgegen. In den Dörfern, in denen Muslime, Hindi und Buddhisten friedlich miteinander wohnen, wurden wir auf heißen Tschai eingeladen. Nach drei Tagen erreichten wir endlich unser Basecamp.

Der Monsun in diesem Jahr war vertrieben und das Wetter schien langsam besser zu werden. Es schneite immer weniger und an manchen Abenden blieb es sogar trocken. Unser Klettermaterial trugen wir rechts an einem großen Gletscherbruch vorbei, bis wir einen idealen Platz für unser ABC, das Advanced Basecamp, fanden. Unter einer Felswand bauten wir eine kleine Plattform aus Steinen. Gerade groß genug für zwei Zelte. Beim Anheben der schweren Steinplatten wurde uns schwindelig und die Kopfschmerzen wurden stärker. Wir waren das erste Mal auf über 5000m und unsere Körper ließen es uns spüren. Nachdem wir unser ganzes Material ins ABC geschafft hatten, gönnten wir uns ein paar Tage Ruhe im Basecamp. Charly Gabl, unser Wettermann aus Innsbruck, versprach für die kommende Woche gutes Wetter.

Endlich ging es los. Wir konnten es nach den langwierigen Vorbereitungen kaum erwarten, endlich eine Besteigung des Cerro Kishtwar zu starten. Vom ABC ging es über ein langes Schneefeld in kombiniertes Gelände aus Eis und Fels. Das Gestein war brüchig und die 40 Zentimeter Neuschnee, die bei unserer Ankunft gefallen waren, machten das Stapfen unglaublich anstrengend. Stef stieg vor, während Denis und ich unsere Ausrüstung nachzogen. Erst gegen halb neun am Abend erreichten wir im Schein unserer Stirnlampen das Plateau, neben dem Gletscherabbruch, auf dem wir unser Camp I einrichteten.

Nach einer kurzen, kalten Nacht stieg Denis früh am Morgen über das 400 Meter lange Eisfeld auf. Nach zwei anspruchsvollen Seillängen im Fels mussten wir aber einsehen, dass wir mit dem vielen Gepäck für die direkte Nordwand zu langsam waren. Viel mehr reizte uns jetzt eine wunderschöne Eislinie durch die noch unbestiegene Nordwestwand. Wir seilten wieder bis in unser Camp I ab und beschlossen, einen Ruhetag einzulegen.

Wir reduzierten unser Gepäck auf das Nötigste und standen am nächsten Tag bereits um drei Uhr morgens auf. Es war eisig kalt und unser ganzes Material war eingefroren. Wir schmolzen Wasser, wärmten unsere Bergschuhe über dem Gaskocher und dann ging es los.
Ohne Gepäck nachziehen zu müssen, waren wir sehr viel schneller. Als die Sonne die umliegenden Gipfel zum Glühen brachte, waren wir schon am Anfang des Eiscouloirs. Ich übernahm ab jetzt die Führung und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das Eis – eigentlich vereister Schnee – war butterweich. Jeder Schlag mit dem Eisgerät saß, aber Sicherungen würden hier nicht halten. Hin und wieder konnte ich Klemmgeräte im Fels anbringen. Weite Abstände zwischen den Sicherungspunkten standen aber an der Tagesordnung. Alle paar Minuten musste ich zudem meinen Kopf einziehen und eine Schneedusche bei -25°C über mich ergehen lassen. Kurz vor Mittag stieg ich dann aber endlich auf den Südgrat. Ein paar leichte Felsaufschwünge und ich befand mich im Gipfelschneefeld. Einatmen, Hinsteigen – Ausatmen, Durchdrücken. Bei jedem Atemzug floß kalte, trockene Höhenluft in unsere Lungen. Sie ließ uns husten und hinterließ ein unangenehmes Stechen in unseren Brustkörben. Der nächste Schritt: Einatmen, Hinsteigen – Ausatmen, Durchdrücken. Es war nicht mehr weit, nichts konnte uns jetzt noch aufhalten. Wir hatten unser Ziel erreicht und eine bohrhakenfreien Erstbegehung im Alpinstil an diesem wunderschönen Berg realisiert. Einatmen, Hinsteigen – Ausatmen, Durchdrücken. Es war ein zäher Rhythmus, doch jeder Schritt brachte uns ein wenig höher. So lange, bis es nicht mehr höher geht. Wir standen am Gipfel. Einatmen – Ausatmen.

Zurück in Sumcham, es ist der Tag unserer Abreise. Früh am Morgen beladen wir wieder unsere Esel. Um uns bei Raju für seine Gastfreundschaft zu bedanken, wollen wir ihm ein paar Rupie zustecken, aber er sagt sofort, er brauche das Geld nicht. „Was soll das heißen?“ist mein erster Gedanke. Jeder braucht doch ein wenig Geld. Uns tun die paar Euro doch nicht weh! Auch Stef und Denis scheinen ein wenig verwirrt zu sein und erst langsam begreifen wir, dass Geld in dieser abgeschiedenen Gegend keinen Wert hat. Ich überlasse Raju meine Gore-Tex Jacke und Stef und Denis geben dem Eseltreiber ein paar Kletterseile. Dann machen wir uns auf den Weg nach Hause, in eine Welt mit einer etwas anderen Mentalität.

David Lama

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English Version

The tiny farming village of Sumcham is nestled deep in the Indian Kashmir Himalayas. A small expedition consisting of Stef Siegrist, Denis Burdet and myself are following a local man through the narrowest of alleys. The slimy ground twists and turns under my feet and the smoke hanging between the clay walls burns my eyes.


The local in question goes by the name of Raju and was one of the best donkey handlers on our expedition up the 6115 metre-high Cerro Kishtwar. He kindly offered to host my two Swiss climbing partners and myself in his house on our return, some very welcome shelter from a day of torrential rain and snow as it turned out. We clambered through a rectangular opening in the wall to enter a large and dark room. Then I saw Raju wave to us and place a carpet down in the middle of the room. While my eyes were adjusting to the darkness, Raju brought a hot chai tea over to us that his wife had brewed for us. While we slurped on the tea with yak milk from little plastic cups, vivid images from our summit day on Cerro Kishtwar came running through my head.

That was the end of our expedition in the Kashmir Himalayas that lasted for almost six weeks. I remember the start as if it were yesterday - Stef Siegrist and I forged some plans for an expedition together and as soon as he had showed me a photo of Cerro Kishtwar, I was instantly set on it. The granite face of over a thousand metres high at this virtually unknown 6000 metre peak, had only previously been set foot on by Brits Andy Perkins and Mick Fowler along with their climbing partners. I wanted to go up this mountain.

The imposing granite tower looked like the perfect place for my first expedition in the Himalayas. I could learn a lot from Stef, as he has Himalayan experiences from his first acents on Arwa Tower and Thalay Sagar. Denis Burdet from Switzerland, another experienced alpinist, along with cameraman Rob Frost would make our team complete.

After a summer spent climbing in the Alps, I found myself at Delhi airport at the start of September where my climbing partners were already waiting for me. Finally we were getting going. The bus which took us to the Kashmir Himalayas, imprisoned us for three long days. The heat was oppressive. We killed the time to watching one film after the other until the point that all our laptop batteries were empty.

For almost 20 years the region in which Cerro Kishtwar lies had been practically forgotten by climbers and mountaineers. Political trouble made it impossible to scale this imposing peak along with the other five or six-thousand metre high summits in the region. Now taking the road from Kishtwar to Gulaghab we passed a few military checkpoints and never-ending amounts of barbed wire, but had no difficulty making the trip. We felt very assured and started early the next morning down in what the locals term 'Sapphire Valley'. Whilst wandering we encountered huge herds of sheep and goats. In the villages, all of which had Muslims, Hindus and Buddhists living peacefully together, we kept on being invited in for chai tea. After three days we had finally made it to our base camp.

The monsoon had blown its course for the year and the weather appeared to be improving. It was snowing less and less, while some evenings were almost completely dry. We took all our climbing gear past a huge cracked glacier to the ABC - advanced bace camp. Under a rocky wall we then built a small platform out of stones, just big enough for two tents. Hoisting the stones around left us dizzy and our headaches only got worse from there. We were up at over 5000 metres altitude for the first time and our bodies were letting us know. After we had laid the base for the ABC we could take a few days rest at the base camp. Charly Gabl, our weatherman from Innsbruck, promised that good weather was in store for the following week.

We were finally off. After all the lengthy preparations we could not await our first attempt on Cerro Kishtwar. From the ABC we first of all crossed a long snow field that brought us in combined terrain of rock and ice. The rock was fragile and the 40 centimetres of new snow that fell as we arrived made our progress incredibly tough. Stef led the way while Denis and I followed with our equipment. Not until half past eight in the evening, guided by our head lamps, did we reach the plateau on which we made Camp I.

After a short, cold night Denis climbed up the 400 metre long ice field early in the morning. After two demanding pitches in the rock we realised that we were too slow with all our equipment to make the direct way up the north face. We were now much more tempted by a great line of ice through the still unconquered north-west face. We climbed back down to Camp I and decided to take the day off.

We reduced our baggage to the bare minimum and got up the next day as early as three in the morning. The icy cold of the Himalayan night had frozen our material solid. We melted them apart with water, warmed our climbing shoes on the gas cooker and then we were ready to go again. Climbing without haulbag made us much quicker. As the sun first started to glisten on the nearby peaks we were already at the start of the ice couloirs. I took over the lead and my expectations were not disappointed in the slightest. The ice, which was actually iced-over snow, was as soft as butter. Every blow with the ice axe nestled into place, but ice screws wouldn't hold here. Every now and then I was able to place gear in the rock, but long distances between the safety points was the order of the day. Every few minutes I had to duck in my head and allow a shower of snow to come rushing over me at -25°C. Just before noon I finally made it onto the southern ridge. After a few short rock walls, I found myself at the summit's snow field. Inhale, move up – exhale, step up. Every single breath sent freezing dry air flying into our lungs. This made us cough and left a distinctly unpleasant pain in our chests. The next step: Inhale, move up – exhale, step up. There was not much further to go, nothing was going to stop us now. We achieved our goal in realizing a bolt free first ascent in alpine style on this incredible mountain. Inhale, move up – exhale, step up. It was a tough routine, but every step brought us a little higher. Up until we couldn't go any higher. We were at the summit. Inhale - exhale.

Back in Sumcham, it is the day we leave. Early in the morning we loaded our equipment on our donkeys again. To thank Raju for his hospitality we wanted to hand him a few rupees but he told us immediately that he doesn't need money. “What does that mean?” was my first thought. Everyone needs a little money, a few Euro here or there don’t hurt us! Stef and Denis were also a little confused until slowly we started to realise that money has no value in this isolated region. Therefore I gave Raju my Gore-Tex jacket and Stef and Denis gave him a few climbing ropes. Then we started our way home to a world with a totally different mentality.

David Lama

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Athlete: David Lama Event: Photostory: David Lama - Expedition to Cerro Kishtwar Discipline: Free Climbing Photocredit: (c) Rob Frost / Red Bull Content Pool Location: Cerro Kishtwar Country: India Exposure date: 28.09.2011

Athlete: David Lama Event: Photostory: David Lama - Expedition to Cerro Kishtwar Discipline: Free Climbing Photocredit: (c) Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool Location: Cerro Kishtwar Country: India

Athlete: David Lama Event: Photostory: David Lama - Expedition to Cerro Kishtwar Discipline: Free Climbing Photocredit: (c) Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool Location: Cerro Kishtwar Country: India

Athlete: David Lama Event: Photostory: David Lama - Expedition to Cerro Kishtwar Discipline: Free Climbing Photocredit: (c) Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool Location: Cerro Kishtwar Country: India

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Athlete: David Lama Event: Photostory: David Lama - Expedition to Cerro Kishtwar Discipline: Free Climbing Photocredit: (c) Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool Location: Cerro Kishtwar Country: India

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Athlete: David Lama Event: Photostory: David Lama - Expedition to Cerro Kishtwar Discipline: Free Climbing Photocredit: (c) Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool Location: Cerro Kishtwar Country: India